Heilung bedeutet pendeln - Wenn Wunden zu Narben werden.

Aktualisiert: 6. Nov 2018

Vergebung heißt: Ja, es darf gewesen sein

Wie ich es geschafft habe, ein Gleichgewicht in meinem Leben herzustellen und verletzte Anteile neu integrieren konnte.


Und dann ist es einfach irgendwann so weit. Dann spürst du in dir selbst, dass der Tag gekommen ist, an dem du dich dazu entscheidest deine alten Geschichten nicht mehr zu erzählen. Sie dir selbst nicht mehr zu erzählen. Sie nicht mehr so zu glauben, wie du sie immer geglaubt hast. Du beginnst nicht die Tatsachen an sich zu hinterfragen, aber du stellst deine Schlüsse, die du gezogen hast, in Frage.

Ich habe mich entschieden, mich durch die vielen Abweisungen und Verletzungen nicht mehr länger in Rückzug zu verschanzeln. Ich habe zugelassen, meine Ansichten zu verändern. Ich möchte jetzt sensibel mit meinen Gefühlen umgehen, und aufhören sie zu ignorieren und wegzudrücken, nur wenn jemand anders anfängt sie zu berühren.

Es hat mein Leben lang super funktionirt, alles wegzudrücken, keine Gefühle zuzulassen, nicht fühlen zu können. Es hatte einen Sinn. Denn wenn ein anderer Weg für meine Seele, der richtige gewesen wäre, dann hätte meine Seele ihn anders gewählt. Doch in diesem Kapitel meines Lebens, war die Gefühlslosigkeit die beste Lösung. Denn ich habe gelernt, dass der Körper, die Seele, der Geist, alles... das sie alle immer heilen und sich entwickeln wollen. Wenn wir uns in den Finger schneiden, dann weiss unser Körper von alleine, wie diese Stelle heilt. Es braucht seine Zeit, aber passiert von ganz alleine. Und wenn unsere Seele verletzt wird, dann benötigt sie Zeit alleine um zu heilen. Doch wir Menschen haben Angst vor der Zeit alleine bekommen. Weil es, wenn es außenrum ganz still wird, so unglaublich laut in deinem Kopf wird. Und das auszuhalten, ist unglaublich anstrengend. Doch wenn du lernst, dich selbst auszuhalten, dich fühlen zu lassen, dich annimmst und nicht verurteilst, wenn du lernst, dich nicht sofort selbst zu bewerten und dir erlaubst, andere Menschen wirklich zu verstehen.... dann hast du die Chance so unglaublich viel zu wachsen. Alles was es dafür braucht ist Zeit mit dir alleine. Doch wenn du sie nicht in dich investierst? In was denn dann?


Ich habe mir erlaubt, es in Ordnung zu finden, in verschiedenen Abschnitten in meinem Leben unterschiedlich zu handeln, zu denken oder zu fühlen. Ich habe aufgehört, mich selbst zu bewerten.


Dieser Teil ist jetzt zu Ende und ein neuer beginnt. Und ab jetzt erlaube ich mir, meine Geschichte anders zu erzählen. Ich bin nicht mehr das kleine, abgestossene, missbrauchte, verletzte Kind. Oder doch, ich bin es auch. Aber ich wurde dadurch nicht zerstört, zum schweigen gebracht, verzweifelt oder abhängig. Nein, ich erzähle die Geschichte jetzt anders. Ich wurde stark, sensibel für meine eigenen Grenzen, weich und nahbar, ich wurde zu einem Menschen der unglaublich viel fühlen kann. Ich wurde aufmerksam für andere und eine Bereicherung für viele Menschen. Ich wurde zur Kämpferin, zur Powerfrau, ich wurde eine Heldin.

Ich habe mir erlaubt, mich zu entscheiden meine Geschichte jetzt nicht nur anders zu erzählen, sondern anders zu sehen. Ich habe mich entschieden, mich für meine Gefühle und Bedürfnisse nicht mehr rechtzufertigen. Sie nicht mehr von anderen abhängig zu machen. Mich nicht mehr abhängig zu machen Es klappt nicht immer auf Anhieb, aber es wird jeden Tag besser. Das Leben ist ein Prozess. Und wir haben aufgehört, das Leben auch als solches zuzulassen. Wie Kathleen Winter so schön sagte: People are rivers, always ready to move from one state of being into another. It is not fair to treat people as if they are finished beings. Everyone is always becoming an unbecoming.


Wunden werden zu Narben, wenn wir lernen zu vergeben. Denn Vergebung heißt nicht, dass wir allen Menschen das vergeben müssen, was sie uns angetan haben. Das dachte ich lange, und auch das zu glauben, hat zu einer Phase meines Lebens gehört. Doch ich habe gelernt, dass vergeben einfach nur bedeutet, die negativen Glaubenssätze aus dieser Zeit fallen zu lassen. Sich zu entscheiden, es gewesen lassen zu sein. Es nicht mehr wegmachen zu wollen. Es bedeutet, sich seine eigene Geschichte zu glauben. Sie nicht mehr verändern, oder nicht mehr, nicht glauben zu wollen. Wir hören auf, uns selbst nicht mehr zu glauben. Wir beginnen zu vertrauen, loszulassen, es anzunehmein. Nein sogar uns selbst anzunehmen. Und wann immer ich zurück zu diesem Selbst komme und beginne zu zweifeln, beginne vielleicht in alte Muster zu fallen und alte Ängste hochkommen zu lassen... ja da lege ich meine Hand, auf mein rechtes Schlüsselbein. Der Ort, der vorher der zerbrechlichste, und schmerzhafteste Ort meines Körpers war.... ja auf diese Stelle lege ich meine Hand. Streichel mich sanft und sage mir: Ja, so bin ich auch. Aus diesem Grund habe ich auch das Titelbild der Arbeit gewählt. Dieser verletzliche Ort reflektiert sich jetzt in so viele Farben, so vielen Facetten. Ich darf auch mal ein paar Schritte zurück gehen und mit mir hadern, ich darf schwach werden und vermissen. Veränderung darf schleichend passieren.


Ich habe mich entschieden, den Tod von meinem Papa nicht mehr als so negativ zu sehen. Ich habe mich auf seine kleinen Zeichen verlassen. Habe mir erlaubt, das Gute in den Dingen zu sehen. Ich habe begonnen mit ihm zu kommunizieren, ihm dankbar zu sein. Ich habe ihm in mir drin, ein neues Zuhause gegeben. Damals dachte ich, loslassen, dass sei Verrat an die Liebe. Heute weiß ich, dass ich es nicht loslassen musste, sondern dass die Heilung dafür viel mehr Annahme war. Ich habe dieses Schicksal angenommen, habe mir erlaubt es in allen Stadien zu erleben. Und habe entschieden, dass ich mir selbst vergeben kann. Dass ich ihm vergeben kann. Und dass ich es sein lassen kann. Ich möchte meinen Papa und unsere Zeit immer nur durch Liebe sehen. Und auch wenn ich mir viele Dinge damit schönrede, dann möchte ich auch das nicht mehr als negativ sehen. Ich meine, wie schön ist es, sich alles SCHÖN zu reden? Ist das nicht eine wunderbare Eigenschaft, die mit der Zeit von der Gesellschaft als etwas dargstellt wurde, was negativ oder naiv ist? Wobei wir beim nächsten Wort wären. Naivität bedeutet unverbraucht, jung, leichtgläubig. Sind nicht auch das wunderbare Eigenschaften? Ich vielleicht WILL ich mir manchmal auch einfach alles schönreden und mir diese Geschichten glauben? Dann ist eine Sternschnuppe eben ein Zeichen von meinem Papa, oder eine geendete Beziehung dafür gut, dass ich eine Aufgabe in mir lösen musste. Dann interpretiere ich in einen Stau eben ein Zeichen vom Universum um mir Zeit für mich zu nehmen und mal kurz ne Pause zu haben. Dann glaube ich eben an Energien und den Sinn hinter allem. Wenn ich damit doch so viel besser, glücklicher und entspannter lebe, dann rede ich mir gerne alles schön! Dann bin ich mit Stolz richtig gut drin, mir alles schön zu reden.


Die letzten Jahre haben mich unglaublich viel Energie gekostet. Ich habe nicht nur 7 Jahre ambulante und 20 Wochen stationäre Therapie hinter mir, nein ich habe fast schon ein Leben hiner mir gelassen, ich habe meinen Papa beim sterben begleitet, den Mann meiner Träume geheiratet, meine Familie losgelassen, die Welt bereist, ich habe schlimme Nächte in Krankenhäusern verbracht, an fremden Betten oder selbst als Patient. Ich habe jede freie Minute Zeit in mich selbst investiert, habe unglaublich viel Geld verdiet und fast jeden Cent davon für meine Lebensqualität ausgegeben. Ich bin ausgebrochen, weggerannt, habe nachgegeben, mich halten lassen, habe gelernt mich anzuvertrauen, gelernt mir selbst zu vertrauen. Und begonnen das in mir selbst zu finden, was ich mein Leben lang im außen gesucht habe. Ich habe begonnen mich selbst zu lieben. Denn das war ich mir nach all diesen Jahren wirklich schuldig. Ich habe mich um meine Wunden gekümmert, und das hat unglaublich viel Zeit gebraucht. In der Geschichte der Traurigen Traurigkeit geht es genau darum. Sie Traurigkeit sagt: “Ich will ich den Menschen ein Nest bauen, in das sie sich fallen lassen können, um ihre Wunden zu pflegen. Wer traurig ist, ist ganz dünnhäutig und damit nahe bei sich. Diese Begegnung kann sehr schmerzvoll sein, weil manches Leid durch die Erinnerung wieder aufbricht wie eine schlecht verheilte Wunde. Aber nur, wer den Schmerz zulässt, wer erlebtes Leid betrauern kann, wer das Kind in sich aufspürt und all die verschluckten Tränen leerweinen lässt, wer sich Mitleid für die inneren Verletzungen zugesteht, der, verstehst du, nur der hat die Chance, dass seine Wunden wirklich heilen. Stattdessen schminken sie sich ein grelles Lachen über die groben Narben. Oder verhärten sich mit einem Panzer aus Bitterkeit.”


Heilung braucht eine Menge Mut und Loyalität. Es geht nicht nur darum, das zu vergeben, was passiert ist, es geht viel mehr darum dich selbst zu akzeptieren, mit allem und bedingungslos.Und zu vertstehen, dass da immer wieder Tage kommen werden, die frustrierend und hart sind, an denen wir einfach alleine sein möchten, aufgeben möchten, an denen wir wieder zweifeln. Tage an denen wir den zerbrochenen und verletzen Anteilen in uns wieder mehr Raum geben. Es ist nicht einfach und es ist kein leichter Weg. Es braucht Zeit zu heilen. Wir werden stolpern, und wieder aufstehen. Aber es ist am wichtigsten, dass wir uns darüber bewusst sind, dass egal wie stark zu sein glauben, egal wie hoch unsere Limits sind und wie viel zu tun, wir einfach immer wissen, dass wir uns auch Zeit zum heilen nehmen müssen. Wir brauchen dieses Gleichgewicht.

“Beim Heilwerden geht es darum, unsere Herzen zu öffnen, nicht sie zu verschließen. Es geht darum, die Stellen in uns, die die Liebe nicht einlassen wollen, weich zu machen. Heilung ist ein Prozess. Beim Heilwerden schaukeln wir hin und her, zwischen dem schweren der Vergangenheit und der Fülle der Gegenwart und bleiben öfter in der Gegenwart. Es ist das schaukeln, dass die Heilung bewirkt., nicht das stehen bleiben an einer der beiden stellen. Der Sinn des Heilwerden ist nicht, für immer glücklich zu werden: das ist unmöglich. Der Sinn der Heilung ist, wach zu sein und sein Leben zu leben und nicht bei lebendigem Leibe zu sterben. Heilung hängt damit zusammen gleichzeitig ganz und zerbrochen zu sein.”

Dieser Text wurde bei einem Klinikaufenthalt morgens einmal vorgelesen und ich habe noch nie etwas gefunden, was mein Gefühl dazu besser beschreibt. Denn ich denke, dass es genau darum geht. Ein bisschen ganz und ein bisschen zerbrochen zu sein. Ich möchte gar nicht, dass diese Wunden sich für immer verschließen und ich eines Tages aufwache, und alles so ist, als wäre nie etwas gewesen. Ich möchte diese Schwachstellen in mein Leben integrieren.

Und ich glaube das war immer meine Angst, ich hatte Angst eine Therapie würde mir meine Depression wegnehmen. Dabei hat sie mir doch so viel über mich selber gelernt und mich so nah zu mir selbst gebracht. Es ist das Pendeln, dass die Bewegung ausmacht. Es ist das Pendeln, was es immer wieder verhindert, dass wir sehen bleiben. Es hält uns am Leben. Und das ist es, was ich auch im körperlichen spüre. Ich merke, wie ich mich selbst in den Arm nehmen kann, mich liebevoll schaukel und streichel. Wie mein Körper das tanzen beginnt, wann immer ich in schwierige Situationen komme. Sobald ich dem Inneren eine äußere Bewegung gebe, geht es dann auch fast wie von alleine.



Hier findet ihr eine Podcastfolge von mir zum Thema: Vergeben und Vergeßen?